Lerntagebuch

„Die Piloten/innen des Schultages“

Evaluationsbericht zum Schulprojekt „Lerntagebuch“ an der Montessori-Grundschule Russhütte Vorgelegt von Thomas Meyer LPM

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1. Vorbemerkung

Die Evaluationsagentur am LPM hat sich zum Ziel gesetzt Schulen bei Evaluationsvorhaben systematisch zu unterstützen. Interessierte Schulen sollen so in die Lage versetzt werden auf der Basis einer fundierten Daten- und Informationslage, ihren Schulentwicklungsprozess selbsttätig zu steuern, umzusetzen und auch bewerten zu können. Das Angebot orientiert sich dabei immer an dem Evaluationsanliegen der betreffenden Schule und kann die folgenden Dienstleistungen umfassen:

  • Informationsveranstaltungen und Fortbildungen zum Thema Evaluation an Schulen
  • Planung von Evaluationsmaßnahmen
  • Methodenberatung
  • Entwicklung von Evaluationsinstrumenten
  • Durchführung von Evaluationen
  • Datenauswertung
  • Präsentation und Interpretation der Ergebnisse
  • Berichtslegung

Im Zentrum steht immer das jeweilige Evaluationsanliegen der Schule. Die Evaluationsagentur agiert unabhängig und versteht sich als „critical friend“ der Schule. Dabei spielen Anonymität und Vertrauenskultur mit der zu evaluierenden Schule eine zentrale Rolle. Auch sonst orientiert sich die Evaluationsagentur bei ihrer Arbeit an den Standards Nützlichkeit, Durchführbarkeit, Fairness und Genauigkeit der Gesellschaft für Evaluation. Die Unabhängigkeit der Evaluationsagentur dokumentiert auch der Evaluationsbericht mit seinen Ergebnissen und Bewertungen, der am Ende eines jeden Evaluationsprojektes an die Steuergruppe oder die Schulleitung abgegeben wird und Eigentum der Schule ist.

Vorrede

Dies ist der Evaluationsbericht zum Projekt „Lerntagebuch“ an der Montessori-Grundschule Russhütte. Auftraggeberinnen der Studie waren Frau Stracke und Frau Warm beide Lehrerinnen an der Schule und Mentorinnen des Projekts.
Als Evaluationsinstrumente kamen ein Schüler/innenfragebogen (geschlossener Fragebogen n90) und ein Leitfadeninterview mit Schüler/innen (n20) zum Einsatz. Die Studie selbst wurde von der Evaluationsagentur am LPM in Kooperation mit den beiden Lehrerinnen geplant und durchgeführt.
Die Zielsetzung der Studie war es zuverlässige Daten über den Umgang des Lerntagebuchs aus Sicht der Schüler/innen zu liefern um auf der Grundlage der Ergebnisse über den weiteren Einsatz des Lerntagebuchs zu entscheiden.

1. Schule allgemein

Die Montessori-Grundschule wird mit Blick auf den Unterricht von den Schüler/innen als ein Ort wahrgenommen, „wo man viel lernen kann“. Nette Lehrerinnen, Freundschaften und „spielen können“ sind wichtige Elemente des Wohlfühlens der Kinder. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass es leise zu geht und eher selten Störungen auftreten. Schon von der 1. Klassenstufe an ist die Binnengliederung des Schultages über Rituale „Sitzkreis“ und Arbeitsphasen „Freiarbeit“, „Gruppenstunde“ klar beschreibbar und internalisiert. Auch Verläufe und Wertungen über die Schultage spielen eine Rolle. Die Schule wird von Eltern und Schüler/innen ganz bewusst ausgesucht und durchweg als gut bewertet. Der Handlungsraum in der „Freiarbeit“ ist eine Option für Schüler/ gemäß ihren Fähigkeiten über schulfachliche Grenzen z.B. „20er-Raum“ hinwegzugehen und zu testen was möglich ist. Die wichtigen Dinge des Tages im „Sitzkreis“ zu bereden wird gleichfalls gewürdigt.

2. Freiarbeit und Lerntagebuch

In allen Klassenstufen fällt die klare Fokussierung der Kinder auf die Freiarbeit und den damit verbundene Einsatz des Lerntagebuchs ins Auge. Der angebotene „Freiraum“ wird positiv eingeschätzt, insofern die Orientierung darin leicht fällt und die inhaltliche Bestimmung dessen „was getan wird“ interessant ist. Verbunden damit geht von dem Angebot der Freiarbeit im Zusammenhang mit dem Lerntagebuch eine gewisse normative und motivierende Kraft aus.
In den Überlegungen der Schüler/innen erscheint es wichtig zu sein viele Sachen „fertig zu bekommen“ und wird ergänzt durch die Wahrnehmung, dass Übung durchaus aufwendig und mühsam ist, „man muss durch das Langweilige durch“, aber doch als notwendig erachtet wird.

3. Lernen am Vorbild

Soweit es den Umgang mit dem Lerntagebuch betrifft übernehmen die „älteren Schüler/innen“ eine gewisse Vorbildfunktion für die jüngeren. Die Freiarbeit ist aus sich selbst heraus nicht ausschließlich positiv zu werten, offenkundig erleben die Schüler/innen auch Phasen, sicher abhängig von der Motivationslage, in denen ihnen sozusagen die selbst bestimmten Unterrichtsinhalte ausgehen. An dieser Stelle dient ihnen das Lerntagebuch als Anker- bzw. Haltepunkt, bei dem sie Gelegenheit haben nachzuschauen was sie bisher geleistet haben, um dann weiter machen zu können und so mit etwas “Neuem“ begonnen werden kann.
Es gibt aber auch Schüler/innen die grundsätzlich mit der Freiarbeit ihre Schwierigkeiten haben. Dies belegen ebenso die quantitativen Aussagen der Schüler/innen im Fragebogen. Dort scheint es vermehrt den Kindern in der 1. Klasse schwer zu fallen, im Handlungsraum „Freiarbeit“ Sicherheit und Orientierung zu finden.

4. Umgang mit dem Lerntagebuch

Zur Wertung des Umgangs mit dem Lerntagebuch lassen sich unterschiedliche Feststellungen auf verschiedenen Ebenen treffen. Auf der emotionalen Ebene wird das Lerntagebuch überwiegend als gut eingeschätzt. Es macht den Schüler/innen in der Regel „Spaß“ damit zu arbeiten.
Handlungstheoretisch spielt es für die Schüler/innen eine bedeutende Rolle selbst entscheiden zu können „was“ gemacht wird, sozusagen „als Piloten ihres Schultages“ den Flugplan zu bestimmen. Eine gewichtige Rolle spielt die Möglichkeit „sich selbst einschätzen zu können“ also die eigene Leistung bewerten zu können. Damit verbunden ist die Option für die Schüler/innen nachzuschauen „was sie gemacht haben“, um so die Kontrolle darüber zu haben, was getan wurde und was noch nachgeholt werden muss. Den Schüler/innen wird somit das Angebot gemacht selbsttätig die Unterrichtsinhalte der Freiarbeit mit Blick auf die Fächer zu variieren, auf die von der Mathematik dominierten Tage folgen Deutschtage usw..
Gerade dieses Spektrum an Handlungsmöglichkeiten macht die Arbeit mit dem Lerntagebuch nicht für alle Schüler/innen leicht.

5. Einsatz des Lerntagebuchs durch die Lehrerinnen

Es herrscht ein großes Einverständnis unter den Schüler/innen über die Gründe warum das Lerntagebuch von den Lehrer/innen zum Einsatz gebracht wird.
Dominant ist die Auffassung, dass das Lerntagebuch der Lehrerin das Wissen darüber liefert was die Schüler/innen gerade machen, also eine Kontrollfunktion erfüllt wird. Wobei nicht nur der inhaltliche Stand eine Rolle spielt, sondern auch Hinweise geliefert werden, welche Inhalte in welcher Häufung bearbeitet werden. Damit wird der Lehrerin die Möglichkeit eröffnet, so die Sichtweise der Schüler/innen, steuernd in die Freiarbeit einzugreifen, um Defizite auszugleichen, wenn ein Fach zu kurz gekommen ist.
Seitens der Schüler/innen wird aber auch wahrgenommen, dass eine Intention der Lehrerinnen zum Einsatz des Lerntagebuchs die sein könnte, bei ihnen den Überblick „zu wissen was man gemacht hat“ zu fördern und ergänzend dazu in der Lage zu sein das Getane auch einschätzen also bewerten zu können.
Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse sind die Schüler/innen durchaus in der Lage, am Ende einer Woche die Inhalte der Fächer zu memorieren und inhaltliche Planungen für die kommende Woche vorzunehmen. Gerade diese Funktion des Lerntagebuchs, die Selbstreflexivität bei den Schüler/innen gegenüber dem eigenen Tun in der Schule zu erhöhen, erscheint besonders wichtig.

6. Das Lerntagebuch als Dokument

Soweit es den Umgang mit dem Lerntagebuch betrifft, beschreiben die Schüler/innen die Protokollfunktion in besonderer Weise. Die Nutzung als Dokumentationsinstrument in Form eines Selbstprotokolls ist für sie besonders wichtig. Aber auch der gezielte Einsatz des Lerntagebuchs als Planungsgrundlage wird schon ab der 2. Klasse beschrieben, denn wenn von ihnen das Geleistete resümierend zusammengefasst wird, ergibt sich für die Schüler/innen die Möglichkeit für die folgende Woche Verbesserungen zu planen und inhaltliche Veränderungen vorzunehmen. Auf diese Weise vergessen die Schüler/innen nicht was noch zu tun ist und vermeiden das Entstehen von Wissenslücken.
Unabhängig davon spielt die Zusammenschau des Wochenpensums für die Kinder eine Quelle emotionaler Zufriedenheit, wenn „Stolz über das Geleistete“ protokolliert wird.
Gleichzeitig werden normative Aspekte im Umgang mit dem Lerntagebuch benannt, insofern die Schüler/innen reklamieren „wahrheitsgemäß“ einzutragen, d.h. nur das ins Lerntagebuch einzutragen, was auch tatsächlich gemacht wurde.

7. Entscheidung für den Schwierigkeitsgrad von Aufgaben

Das Thema des Schwierigkeitsgrades der Aufgaben, die die Schüler/innen selbstständig bestimmen, wird von ihnen klar reflektiert. Grundsätzlich sagen sie, dass man bei allen Aufgaben lernen kann.
Ganz eindeutig gilt für die Schüler/innen, dass die Entscheidung für einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bei den Aufgaben vor dem Hintergrund der Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit verstanden werden muss. Dadurch wird die Aussage verständlich, dass Aufgaben mittleren Schwierigkeitsgrades für die Schüler/innen in der Regel den größten Lernfortschritt erbringen.
Folgerichtig sind schwierige Aufgaben für die leistungsstarken Schüler/innen am attraktivsten, da sie bei solchen Herausforderungen den größten Leistungszugewinn haben.
Die Entscheidung für einfache Aufgaben wird oft auch durch das Argument der Entspannung und Entlastung gestützt.
Die Aussagen der Schüler/innen weisen auf einen erstaunlich hohen Grad an Bewusstsein hin wenn sie die Frage der Auswahl des Schwierigkeitsgrades der Aufgaben reflektieren. Sie wissen immer um ihre eigene Leistungsfähigkeit und passen den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben daran an, wenn es ums Lernen geht.

8. Nutzen des Lerntagebuchs

Mit Blick auf den Nutzen herrscht unter den Schüler/innen große Einigkeit darüber, dass das Lerntagebuch zunächst für sie selbst das Wissen darüber vermittelt was man in der Freiarbeit geleistet hat. Es fungiert in allererster Linie zur Selbstkontrolle. Dadurch behalten die Schüler/innen den Kopf frei für andere Entscheidungen und Inhalte die im Zusammenhang mit der Gestaltung der Freiarbeit stehen. Beispielhaft hierfür steht die Schüleraussage: „Man behält den Überblick über die Inhalte und kann das machen was zu wenig gemacht wurde“.
Auf der Grundlage dieses Wissens, in dem man sehen kann was man gemacht hat „lernt man, das zu machen was man machen muss und kann“. Damit wird klar, dass die Funktion der Selbststeuerung eine wichtige Rolle in der Nutzenbeschreibung des Lerntagebuches spielt. Nicht zuletzt ist aber auch die Selbstbewertungsfunktion für die Schüler/innen von einiger Bedeutung. Dies sowohl durch die Einschätzung der jeweiligen fachlichen Leistung eines jeden Tages aber auch mit Blick auf die Bewertung der gesamten Woche. Für viele Schüler/innen ist dabei wichtig, das zu erreichen was sie sich vorgenommen haben, so dass die Auswertung der Lerntagebücher auch die Anstrengungsbereitschaft der Schüler/innen dokumentiert.

9. Empfehlung

Mit Blick auf die Zielstellung der Evaluation Informationen über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes des Lerntagebuchs aus Sicht der Schüler/innen zu liefern kann man kurz und klar sagen, dass die Evaluationsergebnisse eindeutig für den weiteren Einsatz des Lerntagebuchs sprechen. Der Ertrag des Lerntagebuchs aus Sicht der Schüler/innen ist vielschichtig und führt bei ihnen zu einer strukturierten und reflektierten Haltung gegenüber ihrer schulischen Leistung soweit es die Freiarbeit betrifft. Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang das hohe Maß an Autonomie der Kinder in der Bewältigung ihres schulischen Alltags, das sich durch ihre Aussagen nachdrücklich belegen lässt. Dies allein spricht schon für die Fortführung des Lerntagebuchs.
Gleichwohl empfiehlt es sich den Schüler/innen der 1. Klasse so genannte Freiarbeits- und Lerntagebuchcoaches zur Seite zu stellen, da die Evaluationsergebnisse deutlich machen, dass die Kinder am Anfang ihrer Schulkarriere Probleme sowohl im Umgang mit den Lerntagebuch, als auch mit der Gestaltung der Freiarbeit haben. Durch die Unterstützung der Mitschüler/innen könnte man den Kindern den Einstieg in beide Bereiche erleichtern. Bei diesem anspruchsvollen Vorhaben das Lerntagebuch fortzuführen wünschen wir allen Beteiligten eine glückliche Hand.

Thomas Meyer
Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM)
Beratungsstellen Evaluation/Schulentwicklung
Tel.: 06879-7908-121 / 0175-8241288
Fax: 06897-7908-122
TMeyer@lpm.uni-sb.de